Radtrekking – Die Welt im Sattel kennenlernen

Radtrekking – Die Welt im Sattel kennenlernen

Im Gespräch mit Steffen Hartmann

Hinter Radtrekkingblog.de steckt kein Geringerer als Steffen Hartmann – ein Mann, der das Radfahren nicht nur als Sport, sondern als Lebensform versteht. Seit Jahren ist sein Blog eine der authentischsten Anlaufstellen für alle, die das Abenteuer auf zwei Rädern suchen. Mit jahrzehntelanger Erfahrung im Sattel liefert Steffen fundierte Testberichte, tiefgründiges technisches Know-how und ehrliche Einblicke in die Welt des Bikepackings. Von der spontanen Wochenendtour bis zur epischen Langzeitexpedition – Steffen weiß, worauf es ankommt, wenn Mensch und Material an ihre Grenzen stoßen. Ich lese seinen Blog seit ca. zwei Jahren und dank seiner Tipps (insbesondere zur benötigten Ausrüstung) ist mir der Einstieg in die Welt der Radreisen gelungen. Ich freue mich sehr, ihn heute im Interview zu haben!

Steffen am Polarkreis in Finnland

Steffen, dein Blog ist eine feste Größe in der Radreise-Community. Kannst du dich noch an den Moment erinnern, in dem aus einer „Fahrradtour“ eine lebenslange Leidenschaft für das Radtrekking wurde?

Ja, eigentlich gab es sogar zwei Momente: Einmal als ich mein erstes richtiges Reiserad habe bauen lassen, das war nachdem ich zwei Touren mit meinem Bruder auf dessen Mountainbike gefahren bin (Elberadweg und von Flensburg an der Ostküste hoch nach Skagen und an der Westküste wieder runter). Da war klar, dass ich weiterhin Radurlaub – aber mit guter Ausrüstung – machen möchte.

Der zweite Moment war, als ich 2015 innerhalb von vier Wochen von Oslo über die Lofoten ans Nordkap gefahren bin. Ich war 3-4 Tage am Nordkap, das war so schön, dass ich entschlossen hatte meine Arbeitszeit zu reduzieren um im Sommer mehr Zeit für längere Touren zu haben.

Was ist für dich das ultimative Gefühl von Freiheit: Die ersten Kilometer am Morgen oder das Ankommen am Schlafplatz nach einem harten Tag?

Ich glaube am ehesten nachmittags zur Hälfte der Tagestour: Bis dahin habe ich schon vergessen, wo ich losgefahren bin und manchmal weiß ich dann auch noch nicht genau, wo ich dann abends sein werde. Dann stellt sich bei mir am ehesten das Gefühl ein „auf der Straße zu leben“. Etwas später rechne ich dann schon gelegentlich die Kilometer aus bis zum Ziel, dann lässt das Gefühl von völliger Autarkie wieder ein bisschen nach.

Du hast schon unzählige Kilometer im Sattel verbracht. Gibt es eine Region oder ein Land, das dich emotional so sehr berührt hat, dass du es fast als „Heimat auf Zeit“ bezeichnest?

Obwohl ich noch gar nicht so oft dort war, finde ich Norwegen sehr faszinierend: Die Weite, die Fjorde, die Berge, die See und die vielen Seen und die teilweise karge Vegetation. Aber auch das herausfordernde Wetter, wenig Einkaufsmöglichkeiten (und Campingplätze), schwierige Straßenverhältnisse, viele Höhenunterschiede und die Wildnis – das erfordert Respekt und gute Planung, aber macht eine Tour dort auch einzigartig und zu einer tollen Erfahrung, wenn man die Sache gemeistert hat.

Wie gehst du mit mentalen Tiefs um, wenn das Wetter umschlägt, das Material streikt und die Beine schwer werden?

Ich habe einen Lautsprecher an meinem Anhänger; wenn in Skandinavien die Straße lange geradeaus geht, man kaum einen Menschen sieht, das Wetter nicht toll ist, dann hilft das manchmal sich zu motivieren.

 „Minimalismus vs. Komfort“: Wie hat sich dein Pack-Stil über die Jahre verändert? Was schleppst du heute nicht mehr mit, was früher unverzichtbar schien?

Im Gegenteil, ich schleppe heute mehr mit als früher. Zu Beginn gingen mein Bruder und ich an unsere Grenzen mit 165 km Tagesdurchschnitt, da sollte man nicht so viel Gepäck dabei haben. Seit 2015 habe ich mehr Zeit für meine Touren, dementsprechend plane ich eher 60 km am Tag. Manchmal sind es auch nur 30 km, können aber auch mal bis zu 120 km sein, wenn kein Campingplatz in der Nähe erreichbar ist. Seitdem fahre ich fast nur noch mit Anhänger und damit ist auch das Gepäck mehr geworden (Notebook, Drohne und Akkus, drei Powerbanks durch Solarpanel und drei Nabendynamos geladen). Außerdem habe ich das Einpersonenzelt verkauft und ein Zweipersonenzelt mit zwei geräumigen Apsiden angeschafft.

Das Thema Fahrradtechnik ist komplex. Wenn du nur drei technische Merkmale nennen dürftest, die ein perfektes Reiserad ausmachen – welche wären das?

Auf jeden Fall eine Naben- oder Getriebeschaltung, gute Bremsen (komme mit meiner hydraulischen Felgenbremse leider nicht gut klar) und ein guter Nabendynamo mit passendem Stromwandler.

Ketten- oder Riemenantrieb? Klassische Schaltung oder Getriebenabe? Wo schlägt dein Herz im Jahr 2026?

Ich bin gerade dabei den Bau meines zweites Reiserads zu beauftragen; das hat im Gegensatz zum jetzigen dann Riemenantrieb, Pinion P1.18 statt Rohloff wegen besserer Berggängigkeit und Scheiben- statt Felgenbremsen wegen des höheren Gewichts mit Anhänger.

Welches Ausrüstungsteil (abgesehen vom Fahrrad) hat dein Leben auf Tour am meisten verbessert?

Meine zwei Forumslader um von meinen drei Nabendynamos Strom zu erzeugen, zusammen mit dem Solarpanel mit zugehöriger Powerbank, welche auch Notebooks und Drohnen laden kann. Am Anfang saß ich abends noch im Waschhaus auf dem Campingplatz um das Smartphone zu laden; die Zeiten sind vorbei, das geht jetzt auch bequem nachts im Zelt (mit viel mehr zu ladenden Geräten als früher).

Warum hast du dich damals entschieden, deine Erlebnisse auf Radtrekkingblog.de zu teilen, statt sie einfach nur für dich zu genießen?

Ich habe schon immer gerne fotografiert und auch geschrieben, da bot sich an beides zusammenzuführen und meine Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten.

Wie hat sich die Radreise-Szene durch Social Media verändert? Ist die Romantik des Entdeckens verloren gegangen, wenn jeder Ort schon auf Instagram markiert ist?

Ich war noch nie bewusst an einem Ort, den jemand auf Instagram markiert bzw. empfohlen hat. Ist auch nicht meine Intention, wenn ich Fotos teile. Ganz nett ist es, wenn man unterwegs andere Radwander:innen kennenlernt und später nachverfolgen kann wie deren Tour weiter ging. Manchmal bleiben dadurch auch längerfristige Kontakte.

Was ist die häufigste Frage, die dir Einsteiger stellen, und was ist deine ehrliche Antwort darauf?

Mit einer Ausnahme vor zwei Jahren, als ein Bekannter seinen Worten nach bei mir „in die Lehre gehen“ wollte mit einem gemeinsamen Tourabschnitt, werde ich eigentlich kaum danach gefragt. Ich bin auch der Meinung, dass man sich das gut alles selbst beibringen kann. Es hat sowieso jeder andere Bedürfnisse und Dinge auf die man Wert legt. Letztlich braucht es ein paar Touren mit kontinuierlichen Verbesserungen, dann passt es für jeden. Ich empfehle immer sich genaue Packlisten zu machen und während der Tour Notizen zu machen, was noch verbessert werden kann.

Gab es einen Moment, in dem du das Bloggen fast aufgegeben hättest, weil das Erleben der Reise zu kurz kam?

Eigentlich nicht. Wenn man mal zu wenig Zeit hat oder zu erschöpft ist, dann fällt ein Bericht eben aus oder wird am nächsten Tag nachgeholt oder man fasst zwei Tage zusammen. Da ich kein Geld damit verdiene, muss ich ja auch nicht schreiben wenn ich nicht will oder kann oder einfach mal keine Lust habe. 😉

Was war die gefährlichste oder skurrilste Situation, die du je auf dem Rad erlebt hast?

Vor zwei Jahren bin ich durch eine Unachtsamkeit beim Ausfahren aus einem Kreisverkehr in Dänemark am ansteigenden Bordstein des beginnenden Radwegs hängen geblieben und das erste Mal nach mindestens 30.000 km gestürzt. Abflug über den Lenker. Das hätte böse ins Auge gehen können, aber ich bin glücklich von der Straße auf den Gehweg gefallen und konnte über Arm und Schulter abrollen, so dass ich nur eine Aufschürfung am Knie hatte.

Wie bereitest du dich auf Reisen in Regionen vor, deren Sprache du nicht sprichst und deren Kultur dir fremd ist?

Übersetzungs-App parat halten. Auf dem ersten völlig leeren litauischen Camping nach der polnischen Grenze letztes Jahr gab es nur eine Frau, die kein einziges Wort Englisch oder Deutsch konnte. Da war die Übersetzung per App Gold wert, auch wenn sich das Smartphone leider nur zwei Minuten ins russische Netz eingeloggt hatte, was dann sofort 10 € gekostet hatte.

Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit für dich beim Radreisen? Ist das Fahrrad per se „grün“ genug, oder geht da noch mehr?

Sind Radreisen nicht per se nachhaltig? Ich muss dazu sagen, dass Fliegen für mich mit Anhänger und vielem Gepäck nicht in Frage kommt. Ich finde, das Fahrrad ist grün genug.

Du hast die Entwicklung von E-Bikes im Tourenbereich miterlebt. Glaubst du, dass das klassische Bio-Bike irgendwann nur noch ein Nischenprodukt für Puristen sein wird?

Glaube ich nicht. Persönlich finde ich es erfüllender und befriedigender, wenn ich den Berg mit „ehrlicher“ Beinarbeit hoch gefahren bin. Könnte mir vorstellen, dass das vielen anderen ähnlich geht. Es trainiert auch mehr und hilft beim Abnehmen. 😉 Außerdem schafft man sich mit einem E-Bike eine zusätzliche unnötige Abhängigkeit von Steckdosen. Wenn es gesundheitlich nicht mehr anders geht, dann finde ich es aber völlig in Ordnung, bevor man es sonst ganz sein ließe.

Wenn du heute eine Route planen müsstest, die du noch nie gefahren bist und für die du unbegrenzt Zeit hättest: Wo würde sie hinführen?

Ich war letztes Jahr etwas mehr als fünf Monate am Stück unterwegs – viel länger geht in unseren Breitengraden gar nicht. Bei längeren Touren begrenzen eher die Jahreszeiten als die Zeit an sich. Viel länger müssen Touren für mich auch nicht sein. England – Irland – Schottland könnte mich reizen…

Was rätst du Menschen, die davon träumen, eine große Auszeit mit dem Rad zu nehmen, sich aber wegen Job, Sicherheit oder Finanzen nicht trauen?

Hut ab vor Leuten, die sich trauen Job und Wohnung aufzugeben und loszufahren. Habe letztes Jahr rund um die Ostsee mehrere solche getroffen. Für mich wäre das aber tatsächlich nichts, dafür wäre ich zu feige – ich freue mich spätestens im Herbst wieder in mein Haus und meinen Job zurückkehren zu können. Aber letztlich muss das jeder selbst wissen und für sich selbst entscheiden.

Zum Abschluss: Wenn dein Leben als Radreisender ein Buchtitel wäre – wie würde er lauten?

Darauf hat nicht mal die von mir bemühte KI eine passende sinnvolle Antwort gefunden.
Naja, wenn ich so darüber nachdenke, dann vielleicht „Vom Glück spät zu starten aber doch noch anzukommen“.

Steffen, vielen Dank für das interessante (und umfangreiche) Interview. Die Fragen fielen mir nicht schwer, denn das wären auch die Fragen gewesen die ich „face to face“ gestellt hätte. Ich möchte mich auch vielmals bei Dir für die Unterstützung der Bike Lake Challenge und unseres Aufforstungsprojektes „Trees4Breeze“ bedanken. Das ist nicht selbstverständlich und ich hoffe, dass ich mich irgendwann revanchieren kann.

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