„Life Cycle“ trifft die „Life Score Points“

„Life Cycle“ trifft die „Life Score Points“

Im Jahr 2019 habe ich angefangen den Blog „RockYourGoal“ zu schreiben, und damals war es wirklich nur ein kleiner Blog der einem einzigen Zweck gewidmet war. Er sollte es Menschen aus meinem nahen Umfeld ermöglichen, mich auf meiner noch verbleibenden Lebensreise zu begleiten. Viele Jahre später führte ich die „Life Score Points“ als eine kleine Belohnung für eine erfolgreiche Challenge ein.

Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass das größte Geschenk solch eines Blogs die Menschen sind mit denen man in Kontakt kommt. Inspirierende Menschen wie Frank Glanert aus Varel (Oldenburg). Frank ist Vater, Blogger, Buchautor, leidenschaftlicher Radfahrer, hat schon ein eigenes Fahrradcafe betrieben, eine alte Tankstelle in einen Ort zum Wohlfühlen umgestaltet und arbeitet „nebenbei“ – wenn auch in Teilzeit. Seinen absolut lesenswerten Blog „Franky´s Blog“ hat er bereits einige Jahre vor mir gestartet und ich gehöre seit vielen Jahren zu seinen Stammlesern. Nach unserem ersten Telefonat war mein erster Gedankengang „Wie cool, dass es noch solch offene und leidenschaftliche Menschen gibt“.

Ich freue mich sehr, ein Interview mit Frank führen zu dürfen und dafür möchte ich mich vielmals bei Dir bedanken, lieber Frank.

Das „Warum“ und die Wurzeln

Wer bist Du und welches Ziel hat Deine Lebensreise?

Ich stelle mich gerne als gelernten Zimmermann und Ingenieur vor, wenn es um praktische berufliche Belange geht und als Enthusiast rund um das Thema Fahrrad. Dabei spielt Rad-Kultur ebenso eine Rolle wie Stadt- und Verkehrsplanung für menschgerechte und lebenswerte Städte. Das Ziel meiner Lebensreise ist ja nun alles andere als eine leichtfüßige Frage. Ich sehe mich irgendwann auf der „Zielgeraden“ in einem Begegnungsraum voller Möglichkeiten, der auch „…irgendwas mit Fahrrädern“ zu tun hat. So oder so ähnlich, wie ich ihn in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen ins Leben rufen durfte.

Frank, als du heute Morgen auf das Rad gestiegen bist: War es ein Mittel zum Zweck oder schon der erste bewusste Genuss des Tages? Welche Bedeutung hat das Radfahren für Dich?

Für mich ist Radfahren fast immer Mittel zum Zweck und zugleich ein bewusster Genuss. Das heißt nicht, dass ich nicht einfach so aufs Rad steige, um den Kopf frei zu bekommen. Aber das ist ja auch irgendwie ein zweckmäßiger Anlass. Radfahren hat für mich etwas herrlich alltägliches und ich halte es mit der Radsportikone Eddy Merckx, der sagte: „Fahre so viel oder so wenig, so lange oder so kurz, wie du willst. Hauptsache du fährst Rad.“ 

Gab es diesen einen spezifischen Moment in deinem Leben, in dem das Fahrrad vom Fortbewegungsmittel zum Lebensinhalt wurde?

Nein, so einen spezifischen Moment gab es für mich nicht. Vielleicht war das schon immer so, dass ich mich für Fahrräder und alles drumherum begeistern konnte. Und dabei vor allen Dingen auch für das, was man mit dem Rad erleben kann. Wie es als Kind und Jugendlicher den Aktionsradius vergrößert und man buchstäblich die Welt damit erkunden kann. Ich bin schon früh zu langen Radreisen aufgebrochen. Alleine, mit meinem Bruder und Freunden, später auch mit den Kindern. Ich mag das Erleben von Gemeinschaft, wenn man zusammen unterwegs ist. Beim Sport oder auf einer langen Radreise, die Gespräche, die Begeisterung und das Erleben der Natur. Das ist schon so, seit ich mich an das Radfahren erinnern kann.

Dein Blog heißt „Franky´s.blog“: Was ist das wichtigste Gefühl, das ein Leser mitnehmen soll, nachdem er einen deiner Texte gelesen hat?

Ich habe mich mit meiner Begeisterung fürs Rad immer ein bisschen außen vor gefühlt: ich interessiere mich für Technik, aber ich mag diesen klassischen Tech-Talk nicht. Auch Sport ist interessant, aber längst nicht alles wenn es um das Thema Fahrrad geht. Ich glaube das wichtigste Gefühl von dem ich mir wünschte, das es Leserinnen und Leser mitnehmen, ist: es ist in Ordnung und völlig ausreichend, wenn einem Radfahren und das Erleben Spaß bereiten. Und zwar ohne, dass man Technikexperte oder Leistungssportler sein muss. Sondern weil man in sein eigenes Fahrrad und die Möglichkeiten die es mit sich bringt verschossen ist.

Oldenburg gilt als Fahrradstadt. Wenn du aber die „Franky-Brille“ aufsetzt: Was fehlt der Stadt noch zur perfekten Rad-Utopie? Was fehlt insgesamt gesehen, damit unsere Städte fahrradfreundlicher werden?

Ja, der Begriff Fahrradstadt wird fast inflationär benutzt und immer wieder hoch gehalten. In Oldenburg wurde schon vor mehr als 25 Jahren der Spruch geprägt, dass in der Stadt nicht wegen, sondern trotz der Bedingungen Rad gefahren wird. Leider hat sich in all der Zeit nicht wirklich viel zum Positiven verändert. Ich will nicht sagen, dass das Bemühen nicht da wäre, aber das Ambitionsniveau ist hier – ebenso wie vielerorts in Deutschland – echt gering. Für mich geht es gar nicht in erster Linie um Radverkehr, sondern vielmehr um lebenswerte und sichere Städte. Dabei spielt das Rad sicher eine entscheidende Rolle, weil es Platz spart und Risiken minimiert. Es sollte keine Utopie sein, um deinen Begriff aufzugreifen, dass sich in einer Stadt Menschen zwischen acht und 80 Jahren gefahrlos bewegen können. Das ist leider fast nirgendwo der Fall.

Das Projekt „Kaiserstraße: Räume und Menschen

Du hast eine Tankstelle in einen „konsumfreien“ Ort für Fahrradkultur verwandelt. War das ein bewusster Akt der Rebellion gegen die Auto-Vergangenheit?

Nein, dieser Anteil ist tatsächlich eher zufällig. Da stand halt eine Tankstelle auf der Straßenecke, so wie man das in den 50er Jahre noch gemacht hat. Das hätte auch ein Kiosk sein können oder ein anderer funktionaler Bau. Aber der Platz, der Kiez und alles drumherum, waren schon toll. Und natürlich hat die Geschichte des Ortes bei der Zwischennutzung als „Radstelle“ seine Ikonographie voll ausgespielt.

Was war die skurrilste oder berührendste Begegnung, die du in diesen 14 Monaten an der Tankstelle erlebt hast?

Es gab eine Reihe toller Momente in der Zeit und bemerkenswerte Begegnungen. Ich mag ja die stillen Geschichten. Wir saßen noch zusammen nach einem Fahrradflohmarkt am Samstag, als eine junge Mutter mit zwei Kindern vor dem Schaufenster hielt. Eines im Kindersitz, das andere schon auf einem kleinen Rad. Die Enttäuschung war groß, denn die Kleine wollte einen Fahrradkorb für ihr Kinderrad kaufen. Zufällig hatte ich noch einen bunten passenden Korb von einem gespendeten Rad. Und du kannst dir die zunächst zurückhaltende und dann ungebremste Freude des kleinen Mädchens kaum vorstellen. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut. Wir haben den Korb dann gleich am Rad befestigt und haben von drinnen ganz gerührt zugeschaut, wie die drei vom Tankstellenhof fuhren.

Wenn Geld und Genehmigungen keine Rolle spielen würden: Wie sähe dein idealer, permanenter „Fahrrad-Ort aus?

Bis auf die Miete, spielt aus meiner Sicht Geld ohnehin eine eher untergeordnete Rolle. Und zwar auch, weil der ideale Ort immer ein bisschen unfertig und „roh“ ist und damit zum Mitmachen einlädt. In meiner Idealvorstellung, ist der Ort einladend und so inklusiv, wie das eben möglich ist. Barrieren und Einstiegshürden sollten möglichst gering sein, so dass sich jeder und jede willkommen fühlen darf. Das darf auch gerne immer wieder neu ausgehandelt und kommuniziert werden, weil nur so wirklich Offenheit entstehen kann. Die ehemalige Tankstelle war schon ziemlich ideal. Auch und vor allen Dingen, weil der Vorplatz zur Verfügung stand und damit ein privater Raum, der öffentlich zugänglich war. Das hat es für Viele leicht gemacht unverbindlich dazu zu kommen. Sei es um an einer Aktion teilzunehmen, einen Film zu schauen, wenn das Tor zur Waschhalle einladend offen stand, oder um einfach nur zu quatschen und dabei zu sein.

Die Gedanken hinter „Life Cycle

In deinem Buch „Life Cycle“ schreibst du über das Leben auf zwei Rädern. Ist das Fahrrad für dich eher eine Form von Meditation, von politischem Widerstand oder einfach die wunderbarste Erfindung die je gemacht wurde?

Ich kann mir eine Welt ohne Fahrrädern wirklich ganz schlecht vorstellen. Insofern ist es wohl tatsächlich die wunderbarste Erfindung die je gemacht wurde. Und darum geht es ja im Grunde auch in dem Buch. Ich möchte gerne zeigen auf welch vielfältige Art und Weise das Fahrrad das Leben vieler Menschen verändert und positiv beeinflusst. Das musste ich mir nicht ausdenken, mir sind im Leben viele lebendige Beispiele dafür über den Weg gelaufen.

Viele reden von der „Verkehrswende. Du redest oft von „Lebensqualität. Wo liegt für dich der entscheidende Unterschied im Wording?

Verkehrswende ist so ein herrlich technischer Begriff. Der Ingenieur in mir sollte begeistert sein: man muss nur hier ein bisschen drehen und dort ein bisschen schrauben, dann hat man das Verkehrssystem verändert und mit etwas Glück CO2 reduziert und andere messbare Effekte erzielt. Wir sind so versessen darauf Zahlen, Daten und Fakten zu generieren, dass wir die naheliegensten Aspekte aus dem Blick verlieren: Rad fahren macht einfach Spaß, es ist für viele Leute erschwinglich und für die meisten Menschen von Vorteil. Und selbst die, die das Fahrrad nicht nutzen können oder wollen profitieren von einem Verkehrssystem, das aufs Fahrrad setzt. Durch mehr Platz – zum Beispiel auch für Rollis und Fußgänger, ja sogar für die Autos, die dann noch unterwegs sind. Geringere Geschwindigkeiten reduzieren das Risiko. Das mit dem Emissionen, Gesundheit und so weiter kommt dann als Sahnehäubchen noch hinzu. Aber die unmittelbaren Vorteile für den und die Einzelne/n sind unschlagbar.

Hat das langsame Reisen mit dem Rad deine Wahrnehmung von Zeit und Geduld verändert?

Das würde ich eher nicht sagen. Aber das Gefühl von Raum und Bedürfnissen ändert sich mit der Erfahrung langer Radreisen. Schon nach einer Woche kommt es mir manchmal danach komisch vor in geschlossenen Räumen zu sein und nicht den freien Himmel über mir zu haben. Und man merkt schnell auf dem Rad, wie wenig man tatsächlich zum Leben braucht. Das passt in ein paar Radtaschen.

Wir leben in einer zunehmend digitalen Welt. Warum scheint das physische, mechanische Objekt „Fahrrad“ gerade jetzt wieder so eine starke Sehnsucht bei den Menschen auszulösen?

Ich erlebe das nicht als Renaissance. Für mich persönlich war das Rad immer da und spielte eine starke Rolle. Und im Zusammenhang mit der Rückbesinnung auf das Analoge und das Erlebnis, spielt dann natürlich auch das Fahrrad eine Rolle. Manche entdecken das neu, aber aus meiner Sicht war das nie wirklich weg.

Was antwortest du Kritikern, die sagen, dass Fahrradkultur ein Luxusproblem für eine privilegierte Stadtgesellschaft sei?

Da habe ich ja das Glück, dass ich auf dem platten Land in der Kleinstadt lebe. Im Ernst: das ist wirklich so eine polarisierende Diskussion, die man sich nur ausdenken kann, wenn man spalten will. Hier vor Ort ist das Auto eines der Hauptverkehrsmittel. Und gleichzeitig ist das Fahrrad traditionell stark vertreten. Und nicht nur für Kinder und Jugendliche das Hauptverkehrsmittel. Mit dem E-Bike hat sich der Aktionsradius vieler Menschen mit dem Rad extrem vergrößert, Transporträder sind eine kostengünstige Alternative – nicht nur für Familien, Und werden hier ebenso genutzt wie in der Großstadt. Das hat mit Ideologie wenig zu tun, das sind praktische Lebensentscheidungen, die sich ganz unmittelbar auch auf das Ortsbild und die Entscheidungsfindung auf dem Land auswirken.

Zukunft und das Vermächtnis

Wie gehst du persönlich mit Rückschlägen um, wenn Projekte oder Visionen z.B. an bürokratischen Hürden scheitern?

Scheitern gehört ja irgendwie dazu. Wenn immer alles klappen würde, wäre die Idee vielleicht nicht ungewöhnlich oder ambitioniert genug. Und oft sind es ja auch nicht Behörden oder Genehmigungen. Ich habe im Gegenteil oft sehr viel Unterstützung bekommen. Der Ort, fehlende Mitstreiterinnen und Mitstreiter oder schlicht Jahreszeit oder Gesundheit, können viel größere Gegner sein.

Wenn du die Chance hättest, dem Bundesverkehrsminister für fünf Minuten auf einem Tandem die Welt zu erklären: Was wäre deine Kernbotschaft?

Puh, fünf Minuten auf dem Tandem. So wie ich Verkehrsminister im Allgemeinen einschätze, müsste ich vor allen Dingen erklären, das er (in der Regel ist es ja ein er), sich in der Kurve nicht gegen die Fahrrichtung lehnt und das wir gemeinsam strampeln oder gemeinsam damit aufhören. Und das ist ja vielleicht auch ein schönes Bild: im Grunde geht es nur zusammen, obwohl nur einer (oder eine) lenkt und der/die andere Vertrauen haben muss. Das Vertrauen, dass es mit der „Verkehrswende“ in die richtige Richtung geht, muss man sich ein Stück weit verdienen. Und dabei sollte man niemanden zurücklassen. So wie oben beschrieben: sichere Städte für acht bis 80 Jährige. Das wäre meine Botschaft.

Wo siehst du dich und die deutsche Fahrradkultur im Jahr 2035? Sind wir dann über die Grabenkämpfe „Auto gegen Rad“ hinweg?

Hörmal, wir sind in Deutschland und das ist ein emotionales Thema. Darüber macht man keine Späße, das ist unsere Kultur: Nein, Spaß. Ich habe gelernt: schnell geht in diesem Zusammenhang nichts. Und zehn Jahre sind dafür wirklich eine kurze Zeit. Weil wir auch eben so sind, wie wir sind.

Zum Abschluss: Wenn dein Leben eine Fahrradtour wäre – an welchem Punkt der Strecke befindest du dich gerade? Steilhang, Abfahrt oder entspanntes Rollen an der Küste?

Ich rolle gerade ganz entspannt am Deich entlang. Die Projekte der letzten Jahre waren so etwas wie mein Lebenstraum und ich habe aus meiner Sicht gezeigt, was da geht und dass das möglich ist. Jetzt radel’ ich entspannt zum nächsten Rad-Ort. Irgendwo wird sich eine Gelegenheit ergeben.

Lieber Frank, vielen Dank für das tolle Interview! Ich werde auf alle Fälle Stammleser Deines Blogs https://frankys.blog/ bleiben.

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